Über die Draculer2018-11-07T17:20:08+00:00

Über Dracula, den „Balkanischen Rosenkrieg“ und Europas Geschichte im 15. Jahrhundert

Es gibt viele Bücher, Filme und Reportagen, die sich Vlad Dracula widmen. Aber sein Name wurde erst bekannt, als der amerikanische Historiker Radu Florescu ihn in seinem Buch In Search of Dracula: The History of Dracula and Vampires (1972) zum ersten Mal in Verbindung mit Bram Stokers Romanfigur Dracula brachte. Seither kennt man ihn mehr als Vampir denn als historische Persönlichkeit. Es gibt zwar Fachliteratur, in der Wissenschaftler versuchen, die Wahrheit über sein Leben ans Licht zu bringen. Weil jedoch solche Fachbücher nur von wenigen Interessierten gelesen werden, bestand Vlads Ruf als blutdurstiger Vampir über die Jahrzehnte fort.

Das Ziel meiner historischen Romane ist es, den Lesern zu zeigen, dass die wahre Geschichte mindestens ebenso spannend sein kann wie die von Bram Stokers Dracula. Doch nur über Vlad den Pfähler zu schreiben, ohne seine Familie und seine Herkunft zu berücksichtigen, schien mir nicht ausreichend. So stellte ich während meiner mehr als zehn Jahre dauernden, intensiven Recherchen fest, dass das Leben seines Vaters genauso faszinierend war wie das des berühmten Sohnes. Und so entschied ich mich, zuerst über Vladislav Basarab Draco zu schreiben, insbesondere deshalb, weil bis heute noch nie ein Roman über ihn geschrieben wurde.

Mit den Romanen DAS DUNKLE HERZ DER WELT und DIE BLUTCHRONIK möchte ich den Leser dazu einladen, sich auf die historischen Spuren von Vlad Dracula und seiner Familie zu begeben.

Sigismund von Luxemburg

Vladislav Basarab Draco

Sultan Murad II.

Warum wurde Vlad in den Chroniken seiner Feinde so oft erwähnt?

Vladislav Basarab Draco war der Sohn des walachischen Fürsten Mircea Basarab und Maria de Anjou von Tolmay-Luxemburg. Über seine Kindheit gibt es kaum überlieferte Aufzeichnungen. Man weiß nur, dass er am Hof von König Sigismund von Luxemburg als Geisel aufwuchs. Da seine Mutter die Base des Monarchen war, genoss er nicht nur die Erziehung eines Prinzen, sondern auch Sigismunds Hochachtung. Aus diesem Grund wird er in den höchsten Kreis der Societas Draconis aufgenommen. Über seine Investitur am 8. Februar 1431 in Nürnberg berichtet der Chronist und Sigismunds Biograf Windecke. Er schreibt auch über die Gesandtschaft der walachischen Bojaren, die an dem Tag bei Hof anwesend war, sowie über das abgehaltene Turnier, das nach der Investiturzeremonie stattfand.

Den Beinamen Dracula oder Draculea hat Vlad schon bei seiner Geburt von seinem Vater bekommen. Draculea bedeutete damals nichts anderes als der Sohn des Drachens oder des Drachenritters. Vlad unterschreibt selbst einige Briefe und Urkunden mit Draculea oder Drakulya. Enea Silvio Piccolomini nannte ihn Dragularum und der Senat von Venedig Dragulia. In den DEUTSCHEN ERZÄHLUNGEN aus dem 15. Jahrhundert, von denen die meisten auf den Schriften des zeitgenössischen Dichters Michel Beheim beruhen, wird Vlad als Thrakle waida von der Walachei erwähnt.

Als der Pfahlwoiwode wurde Vlad zum ersten Mal nicht von den Christen, sondern von den Osmanen bezeichnet, die ihn mit dieser Hinrichtungsart in Verbindung brachten. Der türkische Geschichtsschreiber Aşîk Pascha Zade (1400 bis zirka 1481) nennt ihn zum ersten Mal in seiner Chronik Kazîklî, also Pfähler. Und Kazîklî wurde Vlad über Jahrhunderte hinweg dann auch von anderen osmanischen Chronikschreibern wie Mehmed Nesri oder Tursun Bey sowie vielen anderen genannt.

Feindschaft zwischen den Draculern und den Danen

Im 15. Jahrhundert ging es in Europa nicht nur um Religion oder Herrschaftsansprüche, sondern auch um die Beherrschung der Handelswege und Bodenschätze, wofür Urkunden (wie das unten abgebildete Dokument) ausgestellt wurden.

Urkunde vom 7. Oktober 1476 über Handelsprivilegien für Kronstadt, unterzeichnet von Vlad Draculea. 

Einer der dramatischen Grundpfeiler der Romane ist die erbitterte Feindschaft zwischen den zwei Parteien der Basaraben-Dynastie: den Danen und den Draculern. Hier sah ich mich mit einem großen Problem konfrontiert: den Namen. Auf jeden Fall hießen alle Beteiligten Basarab. Vladislav gehörte zu den am häufigsten vorkommenden Vornamen. Auch die meisten Danen trugen ihn. Der Hinweis in einem Brief von 1449, in dem der zweite der Danenbrüder mit Rodislav (statt Vladislav) Waiwoda erwähnt wird, erwies sich als willkommene Lösung, um diese Figur namentlich abzugrenzen. Überall dort, wo ich keine Alternative fand, versuchte ich, durch den Einsatz von Spitznamen oder variierter Schreibweise das Durcheinander zu sortieren. Auch im Fall von Vladislav Draco, der in Wirklichkeit als Vlad Draco oder rumänisch Dracul in der Geschichte bekannt ist, wandelte ich den Namen in Vladislav oder Vlas ab, damit er nicht mit seinem berühmten Sohn verwechselt werden konnte.

Der Kampf zwischen den Danen und den Draculern dauerte über zweihundert Jahre lang und ist in der Geschichte als »balkanischer Rosenkrieg« bekannt – zwei Jahrhunderte voller Intrigen und brutaler Morde.

Eine der wichtigen Inspirationsquellen für meine Romane sind die Erzählungen des Humanisten Enea Silvio Piccolomini – des späteren Papstes Pius II. Er war beeindruckt von der Geschichte Vladislav Dracos und János Hunyadis, des berühmten Christenritters, sowie von dem Krieg zwischen den Draculern und den Danen um den walachischen Thron. In seiner Chronik De Europa schrieb er:

„Unter den Walachen gab es zu unserer Zeit zwei Parteien: eine der Danen, die andere der Draculer. Aber weil diese den Danen nicht gewachsen waren und von jenen an vielen Orten unterdrückt wurden, riefen sie die Türken zu Hilfe. Unterstützt von deren Waffen, vernichteten sie die Danen fast bis zum Untergang. Indem Johannes (János) Hunyadi den Danen in der Tat Hilfe brachte, im Vertrauen auf die Macht der Ungarn, stellte er nicht so sehr diese wieder her, als dass er vielmehr sich selbst Ruhm und Reichtümer verschaffte. Als dieser freilich die Ländereien der Danen aus der Macht der Türken gerissen hatte, nahm er sie für sich selbst und seine Nachkommen, um sie auf Dauer zu behalten, in Besitz …“

Die Briefe, Berichte und Aufzeichnungen von Eneas Silvio Piccolomini, der als Kanzler am Hofe Kaiser Friedrichs III. von Habsburg ein Zeitgenosse dieser historischen Ereignisse gewesen ist, lieferten mir zusätzliche wertvolle Informationen über den Charakter der Figuren in meinen Romanen.

Tiefer Einblick in das Europa des 15. Jahrhunderts

Mit der Geschichte von Vladislav Draco und seinem berühmten Sohn, Vlad Dracula, will ich einen tieferen Einblick in den Geist Europas im 15. Jahrhundert ermöglichen. In dieser Zeit entstanden die ersten Vereinigungsversuche, um als geschlossene christliche Gemeinschaft gegen einen gemeinsamen Feind anzutreten. Aber Europa war nicht nur politisch und territorial zerklüftet, sondern auch religiös. Es gab nicht nur die schismatische Trennung des Christentums in Katholiken und Orthodoxe. Auch die protestantische Bewegung gegen die katholische Kirche, wie zum Beispiel die der Hussiten, gewann immer mehr an Kraft.

Den Europäern stand das Osmanische Reich gegenüber – mit seinem einheitlichen Verwaltungssystem, der nur dem Sultan untergeordneten riesigen Armee und nicht zuletzt einer besonderen Toleranz für andere Religionen. Chronisten berichten, wie bosnische Bogumilen sowie Juden aus Spanien, die als Ketzer gejagt wurden, Zuflucht im Osmanischen Reich fanden. Es ist auch nicht zu leugnen, dass – im Gegensatz zu den europäischen Höfen – am Hof des Sultans die Wissenschaften, wie zum Beispiel Mathematik, Astronomie, Medizin oder Philosophie, besonders geschätzt und gefördert wurden.

Die Karte zeigt Osteuropa im 15. Jahrhundert. Deutlich erkennbar das Fürstentum der Walachei (Valachia).

Aber unabhängig von der Religionsrichtung oder Einstellung zur Wissenschaft ging es damals in den politischen Auseinandersetzungen auch um die Beherrschung von Handelswegen sowie um Bodenschätze, Geld und Macht.

Europas Bild, das ich mit der zweiteiligen Dracula-Saga vor den Augen der Leser erschaffe, reicht von Nürnberg bis nach Konstantinopel, von Rom bis nach Krakau. Veranschaulicht ergibt sich ein buntes religiöses und ethnisches Puzzle-Bild, das sich auch heute in die Einzelteile auflöst, die schon im 15. Jahrhundert nicht zusammenpassen wollten.

Aus diesem Grund sind meine Romane DAS DUNKLE HERZ DER WELT und DIE BLUTCHRONIK auch mehr als die nacherzählte Geschichte der Familie Dracula: Sie sollen dem Leser viele, noch unbekannte Seiten der europäischen Geschichte offenbaren. Denn nur wenn wir unsere Vergangenheit kennen, werden wir die heutigen Ereignisse verstehen …